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Wallraff

Auszüge aus der Laudatio von Günter Wallraff

….Smith kalkuliert die Gefährlichkeit seiner Aktion nicht wie ein Buchhalter und er misst nicht ab, wie weit er gehen kann, ohne die Rassisten zum Gegenschlag herauszufordern. Er berechnet nicht, wie seine Chancen stehen, ungeschoren aus dieser Demonstration herauszukommen. Er tut einfach das, was ihm notwendig erscheint: Jetzt, in diesem Moment, an diesem Ort und vor aller Augen.

Die Berichte von der Siegerehrung gehen am 16. Oktober 1968 und in den Tagen danach über alle Fernsehkanäle und Radiosender in die ganze Welt. Das Foto der beiden Zweihundertmeterläufer, die beim Abspielen der Nationalhymne zu Boden blicken und je eine Faust mit schwarzem Handschuh nach oben recken, wirkt wie ein Aufblitzen der Menschenwürde in einer von Apartheid gefesselten Welt. Die Handschuhe hatte Tommie Smith sich kurz zuvor von seiner Frau geliehen und um sie nicht zu beunruhigen, nichts von seinem Plan erzählt. Sie fragte ihn damals verdutzt: „Wozu brauchst du in der Hitze denn Handschuhe?“

Das Foto der Protestierenden auf dem Podest steht in jeder Zeitung, keine olympische Siegerehrung davor und danach hat je diese Berühmtheit und Langzeitwirkung erreicht. Das Bild vom Sieg der Kühnheit über die Verzagtheit wird zu einer Ikone der Freiheit und Gleichberechtigung – es hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Fast alle, die ich darauf anspreche, wissen von der Symbolik und begeistern sich noch heute.

Als Tommie Smith den schwarzen Handschuh überstreift und Carlos den zweiten gibt, blitzt kurz der Gedanke in ihm auf, dass ihre Aktion vielleicht dramatische Folgen für sie haben könnte. „Ich fürchtete, erschossen zu werden. Auf dem Siegerpodest“, hat er viele Jahre später in einem Interview gesagt und damit offenbart, dass er diese Aktion nicht blauäugig angegangen ist. Als wie gefährdet musste damals sogar ein Mann wie er gelten, ein berühmter Mann, ein „Winner“ – es war ja nicht sein erster internationaler Erfolg – und deshalb ein auch im weißen Amerika durchaus beliebter Mann. [Stichwort: Solange sie Medaillen liefern…]

Tommie Smith wurde nicht erschossen. Aber die Rassisten aller Herren Länder fühlten sich ertappt und herausgefordert von seiner Demonstration schwarzen Selbstbewusstseins – und sie reagierten wutentbrannt. Smith und Carlos wurden kalt gestellt. Sofort. Noch am Abend der Siegerehrung und ihrer großen antirassistischen Geste wurden sie von den Herren der Spiele aus ihrer Unterkunft gejagt und von der weiteren Teilnahme ausgeschlossen. Darauf hatte besonders der Präsident des US-amerikanischen olympischen Komitees gedrängt und ebenso der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der US-Amerikaner Avery Brundage. „Slavery Brundage“ wie er damals genannt wurde, ein bekennender Rassist und Antisemit, hatte es sich 1936 zur Aufgabe gemacht, die Teilnahme der US-Athleten an der Olympiade in Nazi-Deutschland gegen massive Widerstände durchzusetzen.

Seine rassistische Geisteshaltung offenbarte er dann auch mit seiner Reaktion auf den Protest von Smith und Carlos. Dieser sei nichts als eine – und jetzt zitiere ich – „üble Demonstration gegen die amerikanische Flagge durch Neger“! Wir können die Empörung dieses Mannes nachgerade hören, seine Abscheu, seinen Ekel. Und er dichtete den beiden Athleten auch noch die Eigenschaften an, sie seien geprägt von, Zitat, „verzerrten Geisteshaltungen“ und sie seien „gescheiterte Charaktere“.

Die US-Presse nahm die Vorlage des obersten Olympioniken dankend auf und überschlug sich mit Beleidigungen gegen die beiden Athleten. Dieselben Medien, die ein halbes Jahr zuvor den Mord an Martin Luther King mit bestenfalls gemäßigtem Bedauern zur Kenntnis genommen hatten, erklärten Tommie Smith und John Carlos zu Unpersonen, ohne auch nur ein Mal den Grund des Protestes zu erörtern. In Associated Press war zu lesen, die in die Höhe gereckte Faust sei eine Geste „wie bei den Nazis“ gewesen. Die beiden hätten sich wie „schwarzhäutige Sturmtruppen“ benommen, ereiferte sich in derselben Diktion der damals tonangebende Sportjournalist Brent Musburger. Er hat sich für seine Wortwahl nie entschuldigt. Im Gegenteil: Noch 1999 bekräftigte er in einem Interview ausdrücklich seinen Nazi-Vergleich.

Wir brauchen den Mut, die Klugheit und die geradezu künstlerische Brillanz von Tommie Smith, dessen Tat die Zeit überdauert hat.

Ja, ich spreche auch von Kunst, sog. Aktionskunst. Denn die Fäuste von Smith und Carlos im mexikanischen Himmel von 1968 waren nicht nur eine politische, sie waren auch eine künstlerische Aktion [s.a. Willy Brandt Kniefall]. Sie erschienen ohne Schuhe zu Siegerehrung. Tommie Smith erklärt die Symbolik seiner Aktion. Ich zitiere: „Da sind Kinder, die sich keine Schuhe leisten können. Die schwarzen Socken, die wir trugen, standen für Armut, meinen Kopf senkte ich als Symbol des Gebets. Mit meiner geöffneten Trainingsjacke wollte ich die Schichtarbeiter repräsentieren, die ‚blue-collar’ people und die Underdogs. Die stärkste Geste, da war ich mir sicher, war die ausgestreckte schwarze Hand.“ Tommie Smith beendet diese Erklärung mit dem Hinweis, warum er auf die Aktion nicht verzichten konnte: „Ich wollte nicht den Schwarzen abgeben, der brav lächelt, wenn man ihm eine zusätzliche Kartoffel anbietet.“

Tommie Smith war und ist der aufrechte, selbstbewusste, der kämpferische Schwarze – sichtbar für die ganze Menschheit.

Wir fühlen uns geehrt, heute diesen Mann auszeichnen zu dürfen, ein Vorbild an Kühnheit und Mut, auch ein Künstler, der zum richtigen Zeitpunkt und unter Einsatz seiner Existenz der Welt ein Symbol vorhielt, an dem sie nicht vorbei konnte. Was für ein Beispiel von Zivilcourage, auch für uns und für heute. Was für eine friedvolle Entschiedenheit, mit der er einstand für ein tolerantes, gerechte Amerika, für eine gerechte, antirassistische Welt.