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4.4

Der lange Weg eines stillen Helden

Für das Foto tut er es noch einmal: die Augen geschlossen, den Arm nach oben gestreckt, die rechte Hand zur Faust geballt. So wie er es vor fast 50 Jahren tat. Als er als Sieger auf dem Podest der olympischen Spiele in Mexiko stand. Jetzt steht er im Souterrain seines Hauses bei Atlanta vor einem Gemälde, das einen Monat nach seiner Protestgeste entstand. Das Bild zeigt Tommie auf dem Podest, als Hintergrund die Freiheitsstatue. Denn um Freiheit ging und geht es auch Tommie Smith. In diesem Zimmer seines Hauses, in das er nur selten Gäste lässt, ist sein Leben dokumentiert. Hier stehen all seine Pokale, liegen seine Medaillen, hängen gerahmt an der Wand die vielen Titelseiten, die ihm gewidmet waren. Als er 1968 im Finale der 200 Meter stand, wollte er natürlich siegen. Aber diesmal nicht nur wegen des sportlichen Erfolgs. Er brauchte die Plattform des Siegerpodestes, um diese nutzen zu können für den Protest gegen Rassendiskriminierung, Gewalt gegen Farbige, Verletzung von Menschenrechten. Schon zehn Meter vor der Ziellinie riss er die Arme hoch. Es hatte geklappt, und noch dazu wieder ein Weltrekord. Gemeinsam mit dem Drittplatzierten John Carlos schritten sie ohne Schuhe in schwarzen Socken (als Symbol für Armut) zum Podest. Als die Nationalhymne der USA erklang, senkten sie den Kopf und erhoben die Faust, die in einem schwarzen Handschuh steckte. Eine stille Geste, die die ganze Welt sah. Das Foto davon kennen noch heute viele, vielleicht die meisten. Tommie Smith verlor nach dem Protest alles. Er war auf dem Höhepunkt seiner Sprintkarriere und durfte nie wieder bei einem Wettkampf antreten. Er bekam Morddrohungen, die ernst gemeint waren. Auf die Frage, ob er geahnt hat, was folgen würde, sagt er: „Ja, natürlich.“ Und er sagt auch: „Ich bereue nichts“. Heute nehmen sich NFL-Sportler, die auch gegen Rassismus protestieren, Tommie Smith zum Vorbild. Gleich zwei Mal hatte Barack Obama ihn im letzten Jahr seiner Präsidentschaft ins Weiße Haus eingeladen. Der Geächtete von damals ist nun ein Held. Es ist ein langer Weg, den der Kurzstreckenspezialist Tommie Smith nehmen musste.