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Die Denkmäler einer Menschheitstragödie

Manchmal sind es ein Dutzend, anderntags Hunderte. Seit Jahren erreichen uns in immer schnelleren Takt Nachrichten über Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind. Inzwischen geht man von mehreren Zehntausend aus, die in den letzten 20 Jahren so den Tod  fanden.   Die Nachrichten werden schnell wieder vergessen. Was bleibt und noch lange bleiben wird, sind die Gräber der toten Flüchtlinge auf den Friedhöfen Siziliens. Nirgends sterben mehr als vor den Küsten der süditalienischen Insel.  Es ist ein Unterschied,  Zahlen zu lesen oder vor Gräbern zu stehen.   Die Fotos jener zu sehen, die mit der Hoffnung aufgebrochen waren,  eine Zukunft zu finden, die sie in ihren Heimatländern nicht hatten. Die Bilder der  Kinder, die starben.  Oder  wie von einem Leben am Ende nichts als eine Nummer auf einem Grab bleibt.  Die Kunstinstallation „Lampedusa 361“ zeigt ein erstes Mal Fotos dieser  eigentlichen Denkmäler einer der großen Tragödien in der jüngsten Menschheitsgeschichte.

„Könnt ihr Flüchtlinge aufnehmen?“ Die Frage wird vielen Bürgermeistern vieler europäischer Gemeinden gestellt. In Sizilien aber sind nicht immer lebende Migranten gemeint. Seit   Friedhöfe    wie der auf Lampedusa überfüllt sind, werden die Leichen der im Meer  Ertrunkenen   verteilt im ganzen  Land.   Auf manchen Friedhöfen wie in Catania gibt es hunderte Gräber, in kleinen Bergdörfern mitunter nur zwei.  An einem Grabfeld in Pretalia Sottano hängt ein Schild mit einem Zitat des dortigen Bürgermeisters. Darin heißt es: „Die Zahlen, die ihre vom Meer ausgelöschten Namen überdecken, sollen nicht Quelle einer flüchtigen Erschütterung sein, sondern Mahnung an das Gewissen, um eine neue Menschlichkeit zu gestalten.“   Italien ist mehr und länger als alle anderen Länder Europas mit dem Drama um die Flucht  konfrontiert.  Mit den Gräbern auf ihren Friedhöfen geben sizilianische Kommunen den Opfern dieser Menschheitstragödie im Tod ein Stück Würde zurück.

Es ist kein Zufall, dass viele  Flüchtlingsgrabfelder  denen der namenlosen Soldaten vergangener Kriege ähneln. Eine lange Reihe gleicher  Steine,  gleicher Grabplatten, gleicher  Inschriften.   In Santa Croce sind an kleinen Eisenkreuzen Blechplaketten mit den wenigen Daten der Toten befestigt. Die Plaketten erinnern an die Kennmarken, die Soldaten mit sich tragen, um im Fall ihres Todes identifiziert werden zu können. Es sind die Kriegsgräber unserer Zeit.

Die Kunstinstallation „Lampedusa 361“ führt Fotos von auf der ganzen Insel verstreuten Flüchtlingsgräbern zusammen und möchte damit einen Eindruck vom Ausmaß der Tragödie vermitteln.

Die Autorin Heidrun Hannusch hatte die Idee für das Projekt. Sie recherchierte über Monate  in ganz Sizilien die Flüchtlingsgräber, erarbeitete das Konzept, leitete das Projekt und schrieb 90 Texte zu den  Grabmatten.Die Fotos machten Oliver Killig und Carsten Sander. Von Carsten Sander  stammt zudem  die Idee, die Fotos auf Matten zu drucken und sie wie auf einem imaginierten Friedhof auszulegen.

Die Kunstinstallation entstand im Zusammenhang mit der Verleihung des 8. Dresden-Preises und wurde   gefördert von der Klaus Tschira Stiftung und der Stadt Dresden.