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2017-1

Domenico Lucano

An einem frühen Julimorgen im Jahr 1998 landete ein Segelschiff mit 250 kurdischen Flüchtlingen am Strand des kleinen kalabrischen Dorf Riace. Der damalige Chemielehrer Domenico Lucano war einer von jenen, die sich sofort um die erschöpften Menschen kümmerten. Und er hatte eine Idee: Warum sich nicht gegenseitig retten?

Durch Abwanderung hatte der Ort bereits die Hälfte der Einwohner verloren, viele Häuser standen leer. Wann das Dorf, wie bereits einige im armen Kalabrien, ganz aufgegeben werden müsste, war nur noch eine Frage der Zeit. „Aber mit den Flüchtlingen kam die Hoffnung“, sagt Lucano. Hoffnung für beide Seiten, für die Geflohenen und die Einwohner von Riace. Die kurdischen Flüchtlinge waren die ersten, die in verlassenen Häusern von Riace untergebracht wurden. 1999 gründete Lucano mit Freunden die „Citta Futura“, um seine Idee zu verwirklichen, gemeinsam den Ort wiederaufzubauen und gemeinsam dort zu leben. 2004 wurde Lucano ein erstes Mal zum Bürgermeister von Riace gewählt. Er gehörte keiner Partei an und startete mit einer eigenen Liste: Ein anderes Riace.  Lucano beantragte eine Sondergenehmigung, Flüchtlinge unbürokratisch aufnehmen zu können, und bekam sie.  Außerdem zahlt der Staat Beihilfen für jeden Flüchtling.

Das Geld wird verwendet für Taschengeld der Neuankömmlinge, die Sanierung von Häusern, für die Schule, für den Kindergarten und für die Werkstätten, in denen Migranten und Einheimische zusammenarbeiten. Es wurden Arbeitsplätze geschaffen für Italiener und Migranten. Citta Futura wurde zum größten Arbeitgeber im Ort. Domenico Lucano spricht von der „Utopie der Normalität“, die in Riace vorgelebt werden soll. Jener Normalität, die allen Menschen das gleiche Recht auf Zukunft zubilligt. Jener Normalität, nach der Mitmenschlichkeit das oberste Gebot beim Umgang mit vor Krieg und Armut Geflohenen sein sollte. Obergrenzen werden in Riace nicht diskutiert. Von derzeit 1800 Einwohnern kamen 550 als Flüchtlinge.

Inzwischen wurden gemeinsam 150 der einst verlassenen Häuser wiederaufgebaut. In ihnen leben Flüchtlinge aus mehr als 20 Ländern. Domenico Lucano nennt das Riace-Projekt das „Globale Dorf“, das Weltdorf. Sein Anliegen ist es, im Kleinen zu demonstrieren, was auch ein Modell für das Große sein könnte. Sogar EU-Politiker besuchten bereits Riace, um das Modell zu studieren. Und mittlerweile kommen Journalisten aus aller Welt, um über dieses so außergewöhnliche Integrationsprojekt zu berichten.