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Laudatio von Martin Roth

Meine Damen und Herren, sehr geehrte Frau Hannusch, sehr verehrter Herr Baum, und: Sehr verehrter Ehrengast!

Es ist viele Jahre her, dass ich hier zum letzten Mal auf der Bühne stand. Vielen Dank für die Einladung, ich weiss die Ehre wohl zu schätzen – und die Verpflichtung.

Domenico Lucano, wie wollen wir ihn beschreiben? 58 Jahre alt, von Beruf Chemielehrer; oder  Domenico Lucano, im April 2016 vom US Magazin Fortune zu einem der “50 Leaders of the World“ gekürt; oder Domenico -Mimmo- Lucano, Bürgermeister der Gemeinde Riace seit 16 Jahren, Begründer der Citta Futura, der Zukunftsstadt, über die der deutsche Regisseur Wim Wenders sagt, dass diese Gemeinde mehr Utopie in sich berge als der Fall der Mauer – nun darüber könnte man sich gewiss vortrefflich streiten. Aber dass Riace ein politisches Zukunftsmodell sein möge und viele Nachahmer finden sollte, dafür mögen wir uns alle einsetzen.

Wir sind in diesen Tagen so oft an Karl Poppers: The Open Society and it’s Enemies, die offene Gesellschaft und ihre Feinde erinnert, was wir brauchen sind Freunde einer offenen Gesellschaft und diese Freunde finden wir in Riace.

Wir brauchen Menschen, die Haltung zeigen und persönlich für diese Haltung stehen und sich nicht hinter Facebook Seiten und Tweets verbergen und heimtückisch anonym verstecken. Wir brauchen Menschen, die zum Dialog fähig sind und in Riace ist dies ein ganzes Dorf.
Lassen Sie uns die Geschichte nie vergessen. Riace, so sagt der Bürgermeister, war immer ein Ort der Zuflucht, der Weiterziehens, des Niedergangs und Wiederaufbaus. Mehr als 150 Häuser konnten mit Hilfe der neuen und alten Bevölkerung wieder hergestellt werden. Immens. Genau so wie Dresden die eigene Geschichte nicht vergessen hat, und aus den Fehlern, die in dem Lauf der Geschichte hier gemacht wurden, immens gelernt hat.

Domenico Lucano hat sein Dorf gerettet. Ihm wurde bewusst, als 1998 die ersten kurdischen Flüchtlinge an der Küste strandeten, dass sie ein Heim, nicht nur ein Dach über dem Kopf brauchen und dass sein immer mehr verlassenes Dorf gerade diese Heimat bieten kann. Er wollte eine Dorfgemeinschaft im Gegenzug erhalten und dieses Wunder ist ihm trotz allen religiösen, geographischen, beruflichen, mentalen und kulturellen Unterschieden gelungen. Vielleicht ist es doch kein Wunder, sondern ein Beispiel harter Arbeit, Toleranz, Nächstenliebe, Redlichkeit und vor allem Menschlichkeit, die in die Realität umgesetzt sein will, denn davon träumen ist längst nicht genug. Kinderlachen.

Fernand Braudel, der grosse französische Historiker des Mittelmeerraumes, hat immer darauf bestanden, dass das Mittelmeer als eigener Kulturraum zu begreifen sei. Es ist falsch zu glauben, dass diejenigen, die auf der anderen Seite des Mittelmeeres wohnen, nicht auch zu uns gehören, es handelt sich um ein kulturelles Umfeld seit Jahrtausenden und nicht um ein abgekapseltes Niemandsland. In unseren Museen hier befinden sich genügend Zeugen des Mittelmeerraums, sie gehören zu unserer Geschichte, wie wir zu ihrer. Die Idee, dass es die Aufgabe jeder Gemeinschaft sei, die Würde und die Rechte jedes Menschen zu garantieren, der sich auf seinem Gebiet aufhält, ist für Rechtsstaaten konstitutiv.
Dass dieser Preis der Menschlichkeit ausgerechnet in Dresden vergeben wird, ist wunderbar, das richtige Signal zur richtigen Zeit.

Menschlichkeit und Courage wird überall benötigt. Domenico Lucano ist ein Beispiel für uns alle, ein Rollenmodell, jenseits von politischer Überzeugung, Hautfarbe, Konfession und Ländergrenzen. Christus kam doch weiter als nur bis Eboli, um hier das berühmte autiographische Buch von Carlo Levi zu zitieren

Und dass Dresden, Mahnmal für Vertreibung, Flucht und Zerstörung, dass hier in der Semperoper dieser Preis vergeben wird, ist nicht nur ein symbolischer Akt, sondern ein Zeugnis aktiven Engagements für die Menschlichkeit. Ich danke allen Organisatoren und Ideengebern dafür.

Domenico Lucano ist ein herausragender und in jeglichen Zusammenhängen würdiger Träger des Friedenspreises. Ihm -und mir als Laudator- ist es wichtig zu betonen, dass das gesamte Riace, alle Einwohner, egal wo auch immer sie herkommen, den Preis verdient haben. Wie diese Gemeinde auch zeigt, ist was das Engagement eines Einzelnen – und das Zusammenhalten Vieler – bewirken kann. Und vielleicht wird hier deutlich, was man von Zusammenarbeit, im Gegensatz zur Abschottung, profitiert. Ohne die Leute von Riace hätte ein Bürgermeister noch so brilliante Ideen haben können, es braucht die Gemeinschaft der Menschen dazu, die Willkommensgesten zu leben, nicht nur als schöne philosophische Idee, sondern im Alltag, jeden Tag, in jeder Stunde und auch in Konfliktsituationen.

Herzlichen Glückwunsch Domenico Lucano – ich bin dankbar dafür, dass ich Ihr Laudator sein durfte und ich habe bei der Recherche für diese kurze Rede viel von Ihnen und von Riace gelernt. Ich kann sie nur dazu animieren, meine Damen und Herrn, das gleiche zu tun, es ist nicht nur belehrend, sondern erhebend. Viel Freude bei der Erkenntnisreise nach Riace.