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PRESSESCHAU

Dresdner Neueste Nachrichten

Den Preis stemmt er mit seiner Rechten Richtung Bühnenhimmel. Es wirkt spielerisch. Und es ist ein Spiel, vielleicht. Dann aber eins mit ernstem historischen Hintergrund, weil es an eine frühere Geste angelehnt ist, für die derselbe Mann – nun im Wortsinn Träger des Dresden-Preises – vor fast genau 50 Jahren teuer bezahlt hat: mit dem Ende seiner Sportler-Karriere, die trotz vieler Erfolge noch riesiges Potenzial hatte. Er bezahlte auch mit finanzieller Unsicherheit, einer zerbrochenen Ehe, mehr noch aber mit dem, was man heute mit dem fast lächerlich anmutenden Begriff Shitstorm bezeichnet.

…Gestern nun stand Tommie Smith auf der Bühne der Semperoper und nahm den Dresden-Preis in Empfang, für eben jene Tat, die in der besten Tradition des Bürgerrechts steht. Günter Wallraff war sein Laudator – und er erinnerte vor allem an die Zeit, in der 1968 dieser Protest still explodierte. Ein halbes Jahr vor der Siegerehrung war Martin Luther King in Memphis erschossen, bei Rassenunruhen ein Jahr zuvor waren in Detroit 43 Menschen getötet worden. In dieser Lage diesen Aufstand mithilfe einer Geste auf großer Weltbühne durchzuziehen, dazu bedarf es Mut, der bereit ist, alles zu wagen. Eines gänzlich anderen Mutes also als der, den sich heute mancher umhängt, wenn er meint, Dinge zu sagen, die sonst angeblich ungesagt blieben.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Tommie Smith ist ein Riese. Schon mit 14 Jahren maß er fast 1,90 Meter, und jetzt, mit 73 Jahren, ist er kein bisschen kleiner. „Adler“ haben ihn seine Mitschüler schon in der achten Klasse genannt, wenn er die Arme ausbreitete, erzählt er.

… „Ich war das einzige schwarze Kind in einer weißen Klasse“, erzählt Smith. Und eines von wenigen in der Schule. Die Kinder hätten die Vorurteile ihrer Eltern übernommen. „Sie bespuckten uns, sagten, dass wir stinken, und sie durften nicht mit uns sprechen“.

…Smith sagt, er habe damit gerechnet, noch auf dem Podest erschossen zu werden. Stattdessen interviewte ihn unmittelbar danach ein amerikanischer Reporter und fragte: „Tommie, bist du stolz, Amerikaner zu sein?“ In diesem Moment, sagt Smith, seien alle Bedenken von ihm abgefallen. „Obwohl ich mein Leben lang gelernt hatte, im Gespräch mit Weißen den Blick zu senken, hob ich meinen Kopf, schauten dem weißen Reporter direkt in die Augen, und sagte: Ja, ich bin stolz, ein schwarzer Amerikaner zu sein!“

 

Sächsische Zeitung

Er hat es wieder getan. Als ihm am Sonntag der Dresdner Friedenspreis verliehen wird, streckt Tommie Smith noch einmal die Faust in die Luft. Wie damals, 1968, kurz nach seinem olympischen Sieg im 200-Meter-Lauf. Mit einem entscheidenden Unterschied: Auf der Bühne der Semperoper glaubt der einstige Leichtathlet nicht daran, erschossen zu werden. In Mexiko war das anders. Es hat sich in den vergangenen 50 Jahren einiges getan. Dennoch betont Smith am Sonntag, dass wir immer noch in einer Welt der festgefahrenen Sichtweisen, einer Welt der Ignoranz leben. „Das sollten wir nicht vergessen.“

Einen Beitrag dazu will der Verein „Friends of Dresden“ – übersetzt: Freunde von Dresden – mit dem Dresdner Friedenspreis leisten. Der wurde nunmehr zum neunten Mal verliehen. Erster Preisträger war Michail Gorbatschow. Zuletzt wurde Domenico Lucano, Bürgermeister des Flüchtlingsdorfes Riace, ausgezeichnet. Und nun Tommi Smith – für eine Geste, die trotz der vergangenen 50 Jahre nichts an ihrer Aktualität eingebüßt hat.

„Rassismus hat Konjunktur“, sagt Wolfgang Rothe, Intendant der Staatsoper Dresden, in seiner Begrüßungsrede. Das gelte nicht nur für Amerika, wo sich Präsident Donald Trump offen rassistisch zeige. Auch in Deutschland, in Sachsen, in Dresden. Auch Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, der die Laudatio auf Smith hält, kommt nicht umhin, einen Seitenblick auf die „Ignoranz und die Verbretterung der Gehirne durch Pegida und AfD“ zu werfen. „Wir brauchen mehr Leute wie Tommie Smith“, sagt Wallraff.

Tommie Smith zeigt sich von der Ehrung sichtlich gerührt. „Dieser Preis erfüllt mich in der Tat mit Demut“, sagt der Sportler. Er glaube fest daran, dass die Grenzen in den Köpfen überwunden werden können. Es sei an allen, dafür zu kämpfen. „Ich hoffe, dass wir gewinnen“, sagt Smith in den aufbrandenden Applaus.

Deutschlandfunk

…Es war fast zu erwarten. Auch bei der Preisverleihung des Dresden-Preises in der Semperoper waren sie wieder zu sehen: Die Bilder des 200-Meter-Finales von Mexiko 1968. In der Kurve liegt Tommie Smith noch hinten, holt aber mit großen Schritten auf und reißt schon vor dem Zieleinlauf die Hände zum Jubel in die Luft. Er gewinnt in der damaligen Weltrekordzeit von 19,8 Sekunden. Es war fast zu erwarten. Auch bei der Preisverleihung des Dresden-Preises in der Semperoper waren sie wieder zu sehen: Die Bilder des 200-Meter-Finales von Mexiko 1968. In der Kurve liegt Tommie Smith noch hinten, holt aber mit großen Schritten auf und reißt schon vor dem Zieleinlauf die Hände zum Jubel in die Luft. Er gewinnt in der damaligen Weltrekordzeit von 19,8 Sekunden.

…Gänsehaut verursachen die Bilder, weil Tommie Smith und der Drittplatzierte John Carlos bei der Siegerehrung jeweils eine Faust in die Höhe halten. Als Protest gegen den Rassismus in den USA, wo die Bürgerrechtsbewegung für die Rechte der Schwarzen kämpfte.

Die Bilder gingen um die Welt und sind heute im kollektiven Gedächtnis verankert. Tommie Smiths‘ Geste sei nicht kalkuliert gewesen, er habe einfach getan, was ihm notwendig erschienen sei, sagte Laudator Günter Wallraff. Das Risiko sei ihm bewusst gewesen.

…Die Spiele heute seien genauso politisch wie 1968, meint er: „Aber die Athleten sind inzwischen weiter, es gibt regen Austausch. Es sind ja nicht die Athleten, die Probleme miteinander haben. Es sind die politischen Kräfte in den Ländern. Sie können politische Probleme lösen, nicht die Athleten. Die Zustände können sich nur ändern, wenn sich die politischen Führer mäßigen. Wenn wir uns zu Themen äußern, muss uns jemand zuhören.“

Focus

Der frühere US-Sprinter und Olympiasieger Tommie Smith hat am Sonntag den Dresden-Preis 2018 erhalten.

Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung wurde ihm für sein Engagement für Menschenrechte und gegen Rassismus verliehen. Smith hatte bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt gemeinsam mit seinem Teamkollegen John Carlos die Faust erhoben – das Zeichen der Black-Power-Bewegung. Die Laudatio hielt der Journalist Günter Wallraff. Der frühere Bundesminister Gerhart Baum moderierte das Programm. Er hatte Rassismus schon zuvor als Anschlag auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde bezeichnet.

MDR

Der Nobelpreisträger und Mitinitiator des Dresden-Preises, Günter Blobel, bezeichnete die Aktion der beiden Sportler als „eine der beeindruckendsten öffentlichen Demonstrationen gegen Rassendiskriminierung im letzten Jahrhundert“. Ihre stumme Protestaktion sei „Teil der Geschichte von Zivilcourage geworden“. Auch 50 Jahre später gebe es noch Rassismus, das Thema habe an Aktualität wenig eingebüßt, erklärte Blobel. Die Geste sei „geblieben, was sie damals war: mutig und stark.“

Smith war damals 24 Jahre alt und hatte bereits zwölf Weltrekorde gebrochen. Nach der Protestaktion durfte er nie wieder bei einem Wettkampf antreten.

Wolfgang Rothe amtierender Intendant der Dresdner Semperoper: Sei es im Hinblick auf bedenkliche politische Entwicklungen im In- und Ausland, sei es im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Kontext: Zivilcourage, Offenheit und Respekt gegenüber dem Anderen, Teilhabe und Achtsamkeit sind das Lebenselixier einer toleranten, freien Gesellschaft. Heute genauso wie vor 50 Jahren, als Tommie Smith seine berühmt gewordene bekennende Geste zeigte.