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„Sie sind doch auch Kinder Gottes“

Wenn sizilianische  Zeitungen wieder einmal berichten über wieder im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge, dann folgt meistens am Ende des Artikels eine Reihe von Ortsnamen. Es sind  die Namen jener Gemeinden, die sich bereit erklärt haben, die Toten auf ihren kommunalen Friedhöfen  zu bestatten.  Kein Küstenort, wo die Leichen angeschwemmt werden oder die Rettungsboote landen, kann es noch allein schaffen, alle auf seinem Friedhof aufzunehmen.

Flüchtlingsgräber gibt es auf mehr als 50 sizilianischen Friedhöfen. Und jede Gemeinde bestattet sie auf ihre Weise. Manchmal liegen sie  dort, wo die Armen schon immer beerdigt wurden, ganz am Rand. Oder aber auch demonstrativ auf dem zentralsten  Platz des Friedhofs. Wie in Castellamare del Golfo, wo auf grünem  Rasen ein  Grabfeld mit drei Dutzend weißen Marmorsteinen angelegt wurde. Nichts, was hier an ein Armengrab erinnerte.   In anderen Orten markieren lose Steine oder Holzstücke mit handschriftlich aufgemalten Nummern einen Grabhügel. Oder statt eines Grabsteins gibt es an eine Holzlatte genagelte Zettel.

Für Anonymität waren sizilianische Friedhöfe nicht gedacht. Mit den großen Namen auf gewaltigen Grabmalen, den Familiengräbern  und  den Fotos, überall Fotos.  Nun aber gibt es immer mehr Gräber mit einer Nummer statt einem Foto.   Nummern, die oft  nur eingeritzt sind in die Betonplatte, die eine Grabnische verschließt.

Zwischen 35 und 40 Jahre alt, etwa 12 bis 17. Männlich, weiblich.  Manchmal steht auch das auf den Grabsteinen.   Wenn es schon keinen Namen gibt und keine Geschichte zu dem Namen, dann wenigstens  etwas mehr als das Wort „sconoscuito“, unbekannt. Es ist ein letzter Dienst, ein letzter Versuch, den unidentifizierten toten Flüchtlingen  noch ein bisschen von dem zu lassen, was sie einmal waren.

Jene, deren Identität geklärt werden konnte, die mit Namen und Foto beerdigt werden können, sind in der Minderzahl.  Bisweilen aber kommt es vor, dass erst nach Monaten oder Jahren aus einem anonymen Grab ein anderes wird. Wenn Angehörige noch zum Beispiel über einen DNA-Abgleich gefunden werden können.  Auch an einem Kindergrab in Ribera wurden Foto und Namen erst später angebracht.  Als ihr   Boot sank, konnten die  Eltern  gerettet  werden und  waren sich sicher, dass auch ihr Sohn noch lebt, suchten nach ihm, veröffentlichten sein Foto.   Einer erkannte den  Jungen.    Es war der Arzt, der die Autopsie an dem toten Kind vorgenommen hatte.

In Syrakus finden sich zwei Dutzend neue Gräber mit alten Toten. Sie gehörten zu jenen, deren Leichen im Sommer 2016 vor Augusta aus dem Bug eines ein  Jahr  zuvor  gesunkenen Schiffes geborgen wurden. „Sie sind doch auch Kinder Gottes“, sagt ein Friedhofsmitarbeiter über sie,  die  begraben sind direkt neben  italienischen und katholischen Verstorbenen. Dass sie Muslime gewesen sein könnten, spielt keine  Rolle.